Saulorn

...ist ein Dorf im Bayerischen Wald mit etwa 300 Einwohnern. Saulorn liegt in der Mitte der beiden Städte Freyung und Grafenau. Es gehört zur Nationalparkgemeinde Hohenau und ist vom Gemeindeort ungefähr drei Kilometer entfernt. Die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes geht auf das Jahr 1353 zurück.

Welche Bedeutung hat der Ortsname "Saulorn"?

Auf einen Artikel in der Passauer Neuen Presse vom 21. März 2006, in dem es darum ging, woher denn der Name "Saulorn" stamme, meldete sich wenige Tage später Stefan Hackl B. A., M. A., Sprachwissenschaftler und Namenforscher an der Universität Regensburg, mit folgender Lösung:

"<... > Der älteste bislang bekannte Beleg für den heutigen Ortsnamen Saulorn ist in einer Urkunde aus dem Jahre 1353 in der Schreibform Saularn bezeugt. <...> Die Siedlungsnamenform Saularn aus dem 14. Jahrhundert setzt sich aus den Bestandteilen Saul- und -arn zusammen und nicht – wie man aufgrund einer Assoziation zum neuhochdeutschen Wort Sau vielleicht vermuten könnte – aus Sau- und -larn.

Der erste Namensbestandteil Saul- ist zurückzuführen auf das mittelhochdeutsche Wort sūl- (Femininum; mit langem /ū/ !) mit den Bedeutungen 'Säule; Pfosten, Pfeiler, Pfahl, Stützbalken'. Aufgrund der so genannten (früh-)neuhochdeutschen Diphtongierung entwickelte sich das mittelhochdeutsch lange /ū/ zu einem /au/ <...>.

Der zweite Namensbestandteil  arn ist ein bekanntes und sprachwissenschaftlich gut untersuchtes Namenelement u. a. zur Bezeichnung der Bewohner von Ortschaften, das in zahlreichen, insbesondere bayerischen und österreichischen Ortsnamen heute noch in Form von  arn <...>,  orn <...> oder  ern <...> enthalten ist. Der Namensbestandteil -arn ist aus mittelhochdeutsch -aren entstanden. Die Endung  (e)n ist dabei als Kasusendung für den Dativ Plural zu interpretieren, wobei der unbetonte Nebensilbenvokal -e- immer mehr abgeschwächt und schließlich ganz getilgt wurde. Das Element  ar(e) geht zurück auf ein aus dem Lateinischen (vgl.  arius) entlehntes althochdeutsches Wortbildungselement -āri/-ari, das u. a. so genannte Nomina agentis (= "Tätigkeitsnamen") – im Dativ Plural zugleich auch als "Insassennamen" – ableitet. Demnach könnte man die Bedeutung dieses Namenelements im Dativ Plural u. a. mit 'bei den Leuten, die mit ... zu tun haben' umschreiben.

 

Somit ist für den heutigen Ortsnamen Saulorn eine mittelhochdeutsche Grundform *bī/ze den sūlaren (* bedeutet, dass diese Form nicht schriftlich überliefert, sondern sprachwissenschaftlich erschlossen ist) mit der Bedeutung 'bei den Leuten, die mit Säulen/Pfeilern/Pfosten/Pfählen/Stützbalken zu tun haben' anzusetzen. Die mittelhochdeutsche Präposition bī bzw. ze und der bestimmte Artikel den sind später zur Bezeichnung des Ortes weggefallen und aus mittelhochdeutsch sūlaren entwickelte sich sich <...> Saularn.

Bleibt nun noch die Veränderung von Saularn zu Saulorn, also des Namenelements  arn zu  orn in der Schreibform zu erklären. Hier spielt die Mundart des Ortsnamens eine wichtige Rolle. Die mittelhochdeutsche Silbe  ar- wird im größten Teil des mittelbairischen Mundartgebietes aufgrund einer Hebung das -a- und einer Vokalisierung des  r  zu <...> [oa] <...>. Der mundartlich entstandene o-Laut konnte sich mit der Zeit auch im Schriftbild in Form eines <o> durchsetzen und bis zur heutigen amtlichen Schreibform Saulorn behaupten.

Die erschlossene Grundbedeutung des Ortsnamens Saulorn als 'bei den Leuten, die mit Säulen/Pfeilern/Pfosten/Pfählen/Stützbalken zu tun haben' lässt noch einen kleinen Deutungsspielraum offen. Dass die Insassen dieser Siedlung aufgrund ihrer Beschäftigung mit Säulen/Pfeilern/Pfosten/Pfählen/Stützbalken offensichtlich besonderen Bekanntheitsgrad erlangten, dürfte außer Zweifel stehen. Es liegt nahe, die Bedeutung dahingehend zu interpretieren, dass die ursprünglichen Siedler des Ortes Saulorn bekannt gewesen sein könnten für die Herstellung von und/oder den Handel mit Holzpfeilern/Holzpfosten/Holzpfählen (z. B. zum Bau von Umzäunungen) oder mit Stützbalken aus Holz (z. B. zum Hausbau). Denkbar – jedoch weniger wahrscheinlich – wäre allerdings auch, dass sie kleinere steinerne Säulen herstellten oder damit handelten. Jedenfalls gab die Beschäftigung der Saulorner Ursiedler mit Säulen/Pfeilern/Pfosten/Pfählen/Stützbalken – welcher Art und auf welche Weise auch immer – der Siedlung ihren Namen. <...>"

Für die Lösung des Rätsels um die Bedeutung des Ortsnamens Saulorn bedanken wir uns an dieser Stelle recht herzlich bei Stefan Hackl B.A., M. A. und der Forschergruppe NAMEN an der Universität Regensburg.